• Aus gegebenem Anlass

    Aus gegebenem Anlass

    “Aus gegebenem Anlass”, so heißt es auf der Webseite der Fahrerlaubnisbehörde in Berlin, können aktuell nur Anhänge im PDF Format angenommen werden, außerdem dauert die Bearbeitung von Anhängen “aktuell” etwas länger, so war das zumindest im Oktober 2023. Als ich beim Schreiben dieses Artikels Mitte März gerade nochmal nachgeschaut habe, hatte sich weder am ominösen gegebenen Anlass, noch an der aktuell etwas längeren Bearbeitungsdauer etwas geändert. Warum, das fragt man sich jetzt vielleicht, fängt die Reise schon wieder mit Behörden an? Erstens natürlich, weil wir Abenteuer suchen und die findet man in der Berliner Verwaltung auf jeden Fall, und zweitens, weil ich für Australien, wo wir uns aus gegebenem Anlass gegebenenfalls einen Wohnanhänger kaufen wollen, einen Anhängerführerschein machen möchte. Wenn man den bis März haben möchte, ist das aber bei Startdatum im Oktober in Berlin schon völlig aussichtslos. Man wünsche sich natürlich auch, einen früheren Prüfungstermin anbieten zu können, erklären mir diverse Berliner Fahrschulen resigniert am Telefon, aber der TÜV, die Behörden, man wisse ja schon, da könne man leider nichts machen. Nachdem ich das zweistündige telefonische Erreichbarkeitsfenster der Behörde abgepasst habe, erklärt man mir, dass ich das gerne in Königswinter bei meinen Eltern machen könne, beim Antrag am besten angeben solle, dass ich dort meine kranken Eltern pflegen würde, denn das könne ja eh keiner überprüfen. Folgerichtig melde ich mich nach Königswinter zu meinen Eltern um, fülle ein Formular zur Zweitwohnsitzsteuer aus (bei mehr als zwei minderjährigen Kindern kann sie auf die Hälfte vom Ganzen gesenkt werden – warum auch immer – nach kurzer telefonischer Beratung stellt sich aber heraus, dass Kinderzimmer keiner Zweitwohnsitzsteuer unterliegen) und stelle meinen Antrag auf Führerscheinerweiterung dort. Erleichternd kommt hinzu, dass unser Nachbar Fahrlehrer und sehr freundlich ist. 

    Weiter geht es mit den Visa. Für China gibt es laut Website nur Touristenvisa für 30 Tage, wir würden natürlich gerne länger bleiben. Also frage ich mich bei ein paar Visabüros durch und komme zu dem Schluss, dass wohl auch längere Zeiten möglich sind, wenn man einen guten Grund hat. Den haben wir bald gefunden, wir wollen den chinesischen Vater einer Freundin besuchen, der in Danyang wohnt und sehr sicher nicht mal unsere Namen kennt. Aber er kann uns eine Einladung ausstellen und das ist alles, was in den Augen der Bürokratie zählt. Damit ausgestattet ist der Prozess dann wirklich sehr zügig. Online einen Antrag ausfüllen, man kann die Kerndaten sogar auf die nächste Person der Familie kopieren, einmal kurz zum Nordbahnhof ins Visa Application Center, dort werden die Pässe und der Antrag eingesammelt und 5 Tage später kann man die Visa abholen. Die Mitarbeiter sprechen, Deutsch, Chinesisch und Englisch, sind freundlich und können auf Fragen kompetent antworten. Man muss nicht warten und sie haben mehr als 2 Stunden pro Woche geöffnet. 

    Nun zu Australien. Wie schwer kann es sein, hatte ich mir gedacht, braucht man überhaupt ein Visum? Ja braucht man und schwer kann es sein. Auch hier gibt es ein Onlineformular, das man ausfüllen muss, leider ohne Möglichkeit des Übertrags zur nächsten Person. Also fülle ich alles 5 mal aus. Wo man in den letzten 5 Jahren so war, ob man weitere Pässe hat etc. Dann abschicken und die Flag, die einen daran erinnert, weitere Dokumente einzureichen, ignorieren, darauf wurde man beim Login hingewiesen – ein technischer Defekt, wahrscheinlich aus aktuellem Anlass. Fünf Sekunden später habe ich vier E-Mails im Postfach, wir sollen ein Health Exam machen, das nachweist, dass wir keine Tuberkulose haben. Woran das wohl liegt, kann mir niemand bei der unfreundlichen Hotline erklären, ein Immigration Officer habe das entschieden. Von diesen Immigration Officern, die innerhalb von fünf Sekunden fünf Visaanträge lesen können, brauchen wir auch ein paar. Im Verlauf der nächsten Wochen stellt sich heraus, dass wieder einmal ein üblicher Verdächtiger der Schuldige war – der Iran. Ein Tuberkulose-Hotspot, wie uns ein Arzt später erklärt. Wie schwer kann es sein, das Health Exam, denke ich mir. Wer hätte es gedacht: schwer. Eine Website der australischen Regierung klärt darüber auf, dass es in Deutschland zwei Ärzte gibt, die in der Lage sind Tuberkulose zu diagnostizieren. Einer in Frankfurt und einer in Berlin. Ein Blick in den Ausweis verrät mir, dass wir Glück gehabt haben, denn wir wohnen in Berlin! Schnell versuche ich einen Termin zu vereinbaren. Online gibt es den nächsten Anfang März. Kein Problem, der Arzt verlangt ca. 250 Euro pro Person, da wird sich doch sicher noch etwas machen lassen. Leider nein, erklärt man mir am Telefon, dass ich schon in drei Monaten los muss, dafür könne man nichts, aber ich könne doch den Kollegen in Frankfurt anrufen. Glück im Unglück, wir wollen sowieso demnächst nach Frankfurt und dort sind alle sehr freundlich, sodass wir bald einen Termin haben. Ein paar Röntgenbilder und 1000 Euro später steht fest, dass wir keine Tuberkulose haben und dass Frankfurter Ärzte netter sind als Berliner. 

  • Wem Gott will rechte Gunst erweisen

    Wem Gott will rechte Gunst erweisen

    Wem Gott will rechte Gunst erweisen,

    Den schickt er in die weite Welt.

    Dem will er seine Wunder weisen

    In Feld und Wald und Strom und Feld.

    – Joseph von Eichendorff

    So lobte schon Eichendorf das Fernweh. Auch uns hat es wieder fest im Griff und wir haben beschlossen, für ein paar Monate die Wunder der weiten Welt zu erkunden! Startpunkt ist ein Flug nach Hongkong, den Rückweg werden wir von Singapur antreten. Dazwischen liegen hoffentlich Abenteuer, schöne Erlebnisse und viel Spaß, wahrscheinlich aber auch ein bisschen Anstrengung und ein paar ungemütliche Momente. Für den Anfang haben wir einen (hoffentlich) längeren Aufenthalt in China geplant, wo wir uns mit einer Mischung aus öffentlichen Verkehrsmitteln und Mietauto fortbewegen wollen und in Hotels schlafen. Danach soll es weitergehen nach Australien, hier ist eher Camping geplant. Am Ende kommt dann vielleicht noch etwas Südostasien – so ganz sicher ist das alles noch nicht. 

    In Berlin gibt es dafür einiges vorzubereiten. Wir vermieten unsere Wohnung unter, packen Sachen ein und wieder aus, überlegen, wie viele Bodys Wanda wohl braucht und wie sehr ein Kind in 6 Monaten wächst. Die Kinder werden gegen alles mögliche geimpft, dank Berliner Institut für Tropenmedizin (das seit neuestem Institut für Internationale Gesundheit heißt, weil es scheinbar nicht nur Deutschland und die Tropen gibt) geht das sehr unkompliziert. Einige Samstage fahren wir ins Virchow-Klinikum und lassen uns impfen – die Kinder kennen bald schon die wenigen Bücher dort und auch den Tukan, der sie in den sonst eher trostlosen Fluren auf einem Foto begrüßt. Während in Deutschland noch ein Haufen Papierkram auf das Abarbeiten wartet, wird die Menge an Punkten auf meiner Todo-Liste die mit einem “nur mit chinesischer Telefonnummer machbar” gekennzeichnet sind, immer länger. Egal ob Auto mieten, Taxi App herunterladen, Drohne registrieren oder Hotel buchen, für allen möglichen Kram braucht man eben eine chinesische Telefonnummer. Aber so steigt auch die Vorfreude auf unser Abenteuer immer weiter.

    PS: Mein Opa, bekennender Freund tierischer Proteine, war übrigens Fan seiner eigenen Variante der obigen Verse:

    Wem Gott will rechte Gunst erweisen

    Den schickt er in die Wurstfabrik.

    Den lässt er von der Wurst abbeißen

    Und wünscht ihm einen guten Appetit.

    – Karl Fischer